Weitertanzen

Heute ist der Tag an dem wir Cloes Mama beerdigen.

Cloe ist zwei Jahre alt und versteht nicht, was da gerade geschieht.

Sie versteht nicht, wieso alle Erwachsenen so traurig sind.

Sie versteht nicht, wieso der Regen auf alle niederprasselt und niemand voller Freude in eine der Pfützen hüpft.

Sie versteht nicht, wieso Papa sie heute besonders fest in seinem Armen hält, obwohl er doch gerade so aussieht, als bräuchte er selber ganz dringend eine Umarmung.  

Cloe versteht heute vieles nicht. Sie hört nur die wundervolle Musik, die zum Abschied ihrer Mama gespielt wird und kann überhaupt nicht verstehen wieso plötzlich alle noch mehr schluchzen statt zu tanzen.  

Ihre Mama hat doch so gerne getanzt. Wieso tanzt denn niemand?! Sie versteht es einfach nicht.

Und genau, weil sie es nicht versteht, hält sie es plötzlich nicht mehr aus.

Und genau das ist dann der Moment, in dem Cloe sich aus den Armen ihres Papas windet und nach vorne ans Grab ihrer Mama hüpft. Sie breitet ihre Arme aus, während die Welt um sie herum den Atem anhält und der Himmel hemmungslos weint. Und dann?

Dann tanzt Cloe.

Sie tanzt im Regen.

Sie tanzt zwischen den Trauerkränzen und Trauerkerzen, zwischen den Leidzirkularen und Tränenfluten, zwischen jedem traurigen Ton.

Sie tanzt genauso wie ihre Mutter einst getanzt hat, unbeschwert und voller Lebensfreude.

Sie tanzt und tanzt…in einer Welt die gerade stillsteht.  

Eines Tages wird man ihr möglicherweise erzählen, dass sie damals am Grab ihrer Mama getanzt hat. Und vielleicht wird sie das dann überhaupt nicht mehr verstehen können.

Aber ich hoffe sehr, dass sie sich diese Unbeschwertheit und Lebensfreude bewahren kann und dass sie genauso stolz auf sich selber sein wird, wie ihre Mama es immer sein wird. Denn am Tag als sie beerdigt wurde, brauchte es ganz dringend jemand der weitertanzt, weil alle anderen einfach aufgehört haben zu tanzen.  


Für A. und ihre Mama M.  

26.03.2023

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2 Kommentare:

Jana Landolt schrieb am 26.03.2023 um 10:45:

Das ist eine wunderschöne und so berührende Geschichte. Danke fürs Erzählen! Aus dem Körper und dem Moment heraus das tun, was gut tut, und nicht das "was MAN so macht" -wie schön. Wie es wohl wäre, wenn auf unseren Beerdigungen immer getanzt würde? Das Leben feiern?

anonym schrieb am 25.05.2023 um 09:01:

Danke für diesen schönen Beitrag. Ich war an diesem regenreichen Tag da - deine Worte geben mir noch immer viel Trost. Ich sammle fleissig Glücksmomente ;-)