Kinder sterben anders

«Rote Nasen»

Ich hasse Krankenhäuser! Dieser seltsame Geruch der in den Fluren klebt, dieser sterile Bodenbelag, der nicht nur in den Ohren quietscht und überall humpeln oder rollen diese Gebrochenen, Aufgeschlitzten, Schmerzverzerrten und Verletzten an ihren Tröpfen um die Ecken.

Heute bin ich hier, weil ich vor einiger Zeit ein Versprechen abgegeben habe. Und heute ist der Tag an dem ich dieses Versprechen einhalte. «Wenn es soweit ist, bring mich zum Lachen! Versprich es mir, bitte!» Eigentlich wusste ich von Anfang an, was ich da versprochen habe. Doch jetzt  wo ich vor dem Zimmer 123 stehe, begreife ich es auch. «Bring mich zum Lachen!», klingt ganz einfach. «Versprich es mir, bitte!», scheint jetzt unmöglich. Wenn ich über diese Schwelle trete gibt es kein Zurück mehr, für niemanden. Nicht einmal für die Hoffnung. Dann gibt es da nur noch die Wahrheit und die schmerzt, wie so oft. Ich atme meine Angst und die aufsteigenden Tränen weg. Wie soll ich jemanden zum Lachen bringen, wenn es in mir weint. Ganz einfach, weil ich es versprochen habe.

Ich halte die mitgebrachten roten Clownnasen in meinen kalten Händen. Noch nie hat ein Lachen so schwer auf mir gelastet. Dann drücke ich nicht nur die Türklinke runter und betrete das Zimmer. Luis strahlt mich kahlköpfig von seinem Bett aus an. Seine Augen füllen sich mit Freude. Mühsam richtet er sich auf und haucht kaum hörbar: «Du bist da!»…wie könnte ich nicht da sein, ich hab es schliesslich versprochen.

Ich setz mich zu ihm auf die Bettkante und streck ihm eine rote Nase hin. «Ich kann nicht…», flüstert er.

«Ich weiss. Aber ich kann. Wir machen das jetzt so. Stell dir vor, deine Nase und meine Nase sind miteinander verbunden. Deine Nase kann sozusagen meiner Nase funken was ich für dich machen soll. Und weil unsere Nasen miteinander verbunden sind, wird es so sein als wäre ich du.»

«Heisst das ich kann dir sagen, was ich gerne machen würde wenn ich noch könnte und du machst das dann für mich?»

«Genau! Sobald wir die Nasen aufsetzen ist mein Körper dein Körper. Und du kennst die Regeln der Clowns, alles muss masslos übertrieben werden. Ich frage dich also, bist du bereit mal so richtig die Sau raus zu lassen?!» Luis blinzelt mich begeistert an. «Die Frage ist wohl eher, bist du bereit?!» Der kleine Kerl will mich doch tatsächlich provozieren. Ich nehme diese Herausforderung an. Mein Mund sagt mutig: «Ja! Dein Wunsch ist mein Befehl!», während mein Herz flüstert: «Nein, hierfür werde ich niemals bereit sein.»

Luis nickt. Wir heben beide die Nasen hoch und schneller als ich, «Achtung, fertig, Nase auf!», sagen kann hat er seine auch schon aufgesetzt und befiehlt: «Tanz für mich!»

Ich funkel ihn gespielt böse an und erwidere: «Du kannst so was von froh sein, dass du erst neun bist. Normalerweise müsste mir kein Mann so kommen.» Ich setz die Nase auf und tänzel wie gewünscht durchs Krankenzimmer.

«Das nennst du tanzen! Ich will Hip Hop! Shake it Baby, shake it!»

Ich hatte ja keine Ahnung welche Ausdauer so ein Neunjährigen hinlegen kann. Nach Breakdance, Tango, Headbangen und Ballett folgt irischer Stepptanz. Erst als Luis und ich völlig ausser Atem sind, ich wegen meinen Körperverrenkungen und er vor Lachen, hören wir auf zu tanzen.

«Jetzt pflück mir ne Blume!» Weit und breit seh ich keine Blumen. Fragend hebe ich die Schultern. «Ist das mein Problem?!» Dieser Junge ist so was von dreist. Na gut. Du willst es so, du sollst es bekommen. Ich geh zur Tür, öffne diese, strecke meinen Kopf hinaus und siehe da, die Krankenschwester hat einen Rollwagen voller Blumen die auf Wasser warten im Flur parkiert. Ohne lange zu überlegen klau ich einen Strauss. Ich schnuppere extra ausgiebig an den bunten Blüten, steige dann aufs Bett und stell mich behutsam über Luis auf. Und dann lass ich es Blumen regnen.

Sein Staunen werde ich immer bei mir tragen.

Luis möchte dann noch Tennis spielen, mit einem Fallschirm vom Fenstersims gleiten, in einem Rennwagen durch die Gegend kurven, den Mount Everest besteigen, im offenen Meer schwimmen und mit ner Rakete zum Mond fliegen. Wir sind uns einig, die Schwerelosigkeit dort oben ist mit Abstand das Beste.

«Eine letzte Sache noch.»

«Ja, was?»

Luis tippt sich auf seine Clownnase und ich verstehe sofort was er meint.

«Du willst einen Kuss?!»

«Ein letztes Mal, bitte!»

Ich würg die Bitterkeit in meinem Hals runter und beug mich über meinen kranken Helden. Langsam steuern unsere beiden roten Nasen aufeinander zu, bis sie sich ganz sanft an den Spitzen berühren. Das nennt man einen Clownkuss.

Und dann ist es an mir Luis zu fragen: «Darf ich jetzt für dich weinen?»

Er zieht mir behutsam die aufgesetzte Nase vom Gesicht und flüstert: «Nur wenn es regnet, dann sehe ich es nicht.»

Ich nicke, verstehe.

«Aber lache! Versprich mir, dass du immer für mich lachen wirst.»

«Versprochen.»

Seine Freude wird mich auf Schritt und Tritt begleiten.

Ich will gerade das Zimmer 123 verlassen als Luis sagt: «Schade, dass ich nie gross werde.»

Ich dreh mich um: «Wieso?»

«Dann hätt ich dich richtig geküsst, weisst du so wie ein Mann eine Frau küsst.»

Ich fühl mich geschmeichelt: «Ja das ist wahrlich ein Jammer! Wir verschieben das einfach aufs nächste Leben.»

«Versprochen?!»

«Versprochen!»

«Wow, darauf freu ich mich! Und dass du mir dann auch ja genauso sexy bist wie hier!»

Nun ist er es, der mich zum Lachen bringt. »Ich werd mir Mühe geben!»

»Sehr schön, dann ist jetzt alles gut!»

Sein Strahlen wird immer in meinem Herzen wohnen.

Luis winkt mir vom Bett aus zu: «Leb wohl!»

«Sagen wir doch einfach bis dann.»

«Ja, bis dann!»

Es regnet als ich aus dem Krankenhaus trete und ich bin so unfassbar dankbar dafür, dass der Regen meine Tränen versteckt, damit Luis sie nicht sieht.

Genau heute vor einem Jahr ist Luis mein kleiner tapferer Freund an Leukämie gestorben. Und heute ist auch der Tag an dem ich die zwei roten Clownnasen wieder hervorhole. Denn heute ist der Tag an dem ich ins Freie trete, mir eine Nase aufsetze und die andere auf nen freien Stuhl in die Sonne lege. Heute blicke ich nach oben, denn heute, heute ist der Tag an dem ich LACHE was das Zeugs hält!… versprochen ist versprochen.

P.S. Zu diesem Blog-Eintrag gibt’s ein Buch. „Lieben lernen“ erhältlich unter www.tausendstrassen.ch

Von | 2017-12-29T15:53:13+00:00 21. Dezember 2017|Kinder, Sterben, Tod, Trauer, Verlust|0 Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar