Das Leben feiern

Ausschnitt aus der Trauerrede für eine Freundin

Ich weiss nicht, wer hier wie und wo von B. Diagnose erfahren hat. Ich an einem Abend via facebook. Da schluckt man schon mal leer.

Und B. trat dann auch umgehend mit der Bitte an mich, ihre Trauerfeier zu planen.

So sassen wir mehrfach zusammen. Wirklich geplant haben wir jedoch nicht. Ich sei schliesslich der Profi in Sachen «Abgang», meinte sie. Dafür haben wir lange und ganz ehrlich miteinander gesprochen.

Ich habe hier mein Originalnotizbuch in dem ich unsere Gespräche und ihre facebook Post gesammelt habe.

So interessant und intensiv unsere Gespräche auch waren, ich muss euch einen Grossteil davon vorenthalten. Denn es würde den Rahmen dieser Feier sprengen.

Doch ein, zwei Botschaften möchte ich euch dennoch nicht vorenthalten.

Mühe

Ich bin ehrlich, B. hatte mit ganz vielem Mühe.

  • Beginnend mit dem ungeniessbaren Essen in gewissen Institutionen,
  • Ärzten die ihre kostbare Lebenszeit raubten indem sie sie warten liessen,
  • Menschen, die es wagten sie zu fragen «Wie geht es dir?» da verweise ich auf ihren facebook post vom 12. Juni 2019,
  • von unsensiblen Pflegern und Hoffnungslosigkeit die ihr dermassen auf die Nerven ging, dass sie auch das in Worte gefasst hat
  • und die Floskeln «Wünsch dir viel Kraft», «gute Besserung» oder «Wünsch dir noch viele schöne Momente», die sie am liebsten an die Wand geklatscht hätte.

Ich meinerseits musste ihr dann halt schon auch mal klipp und klar sagen, dass sie vielleicht nicht die Einzige ist, die mit der Situation überfordert ist. Wir leben in einer Feelgood Generation. Glauben, wir hätten für jedes Wehwehchen eine Pille und sterben tun sowieso nur so richtig alten Menschen, die ihre Leben gelebt haben und dann fröhlich entschlummern. Der Tod hat in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr, wir haben jedwede Trauerkultur verloren, wie sollen wir dann wissen, wie man sich in solch einer (beschissenen) Situation, die es ja eh nicht geben dürfte angemessen verhalten sollen. Wir haben es nie gelernt. Obwohl wir doch alles Sterbende sind und zwar von der ersten Sekunde an.

Guttun

Ich habe B. dann jedoch gefragt, was ihr denn guttut, was denn ihrer Meinung nach eine passende Geste sei und schlagartig hat sich ihr Gesicht verändert. Das Harte fiel ab und sie sagte mir: «Jemand hat mir geschrieben, ich setzt dich auf meine Weihnachtskartenliste. Das hat mich sehr gefreut, genau wie die wundervollen Bilder und Fotos, die mir alle schicken, das liebe ich sehr, weil es mir das Gefühl gibt teilzuhaben, immer noch dabei zu sein. Und das tolle Essen, dass mir immer wieder von ganz vielen unterschiedlichen Menschen ans Krankenbett gebracht wird.»

Facebook

In einem weiteren facebook post hat sie geschrieben: „Ich werde liebevollst getragen von meiner Familie, meinen Kindern, meinen Freunden und meinen Kollegen. Ihr wisst glaub gar nicht wie fest und wie unendlich dankbar und voller Liebe ich dafür bin.“

Veränderung

Am Ende verändert sich vieles.

B. selbst musste bei dem Gedanken, dass sie gerne mit ihren Töchtern noch eine Kreuzfahrt machen möchte grinsen. Ökobilanz voll am Arsch.

Oder der Tatsache, dass sie, die nie auch nur ein Aspirin einwarf, sich dann doch für eine Chemo entschieden hat.

Und es war dann am Ende auch okay, dass sie Lust auf ein so gar nicht veganes Gerber Fondue und schnöden Lipton Schwarztee hatte.

Letzte Botschaft

Und es gibt in diesem Heft noch eine Botschaft, die ich euch allen unter keinen Umständen vorenthalten möchte. Ich habe B. gefragt, ob es etwas gibt, das sie anders machen würde im Leben, wenn sie könnte.

Mit Tränen in den Augen antwortete sie mir. «Ich habe im Leben nie gefeiert. Ich würde mehr feiern!»

  • Ich würde die Schönheit der Natur feiern.
  • Ich würde meine Eltern feiern, jedes einzelne Knöpfli vom Mueti und die mutigen Fahrlehrerambitionen vom Vati.
  • Ich würde meine Schwestern feiern für all die wundervollen blau/weissen Erinnerungen.
  • Ich würde die Hochzeit von A. und mir feiern und dass er, mein Mann, trotz Trennung der beste Papa für unsere Töchter ist, den man sich nur vorstellen kann.
  • Ich würde mit meinen Töchtern feiern bis zum Umfallen oder bis wir über die Kreuzfahrtschiff Reling ko…
  • Ich würde das Erscheinen meines Kochbuchs feiern.
  • Und jedes Tier das dem Schlachthof entkommt.
  • Ich würde jeden Tag Neueröffnung im Limalimon feiern nur damit wir feiern können.
  • Und ich würde mit all meinen Freunden so lange feiern, bis der Arzt kommt oder ich in Eden lande.
  • Ich würde das Leben feiern, weil ich ein Glückskind bin.

***

Und wahrlich das war sie, ein Glückskind.

P.S. Danke, dass du im Himmel jetzt die Wolken machst 😉

 

 

 

 

Von | 2020-02-05T10:49:50+00:00 5. Februar 2020|Bestattungen, Sterben, Tod, Trauer, Trauerfeier, Verlust|0 Kommentare

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